Jan A. Karon: Daniel Günther bezeichnet kritische Onlineportale...
Daniel Günther bezeichnet kritische Onlineportale als »Feinde der Demokratie«. Karin Prien bezichtigt neue Medien der »Zersetzung unseres freiheitlichen, demokratischen Systems«. Ruprecht Polenz definiert »Gülle«-Medien und vergleicht NIUS mit dem »Stürmer«. Roderich Kiesewetter will Anhänger der AfD aus dem Staatsdienst entlassen sehen. Marco Wanderwitz bezeichnet AfD-Mitbewerber, die ihm massiv Stimmen abgenommen haben, als »Faschisten« und »Demokratiefeinde«, will die Partei verboten sehen und hat sich wegen Widerspruch (und Hass) von sozialen Medien zurückgezogen. Kulturstaatsminister Weimer wittert eine Kampagne, wenn ihn Medien wie »Apollo News«, Alexander Wallasch, NIUS, JF und »Tichys Einblick« kritisieren, weil er Zugänge zu politischen Machtzirkeln im kommerziellen Sinne verkauft hat – und leugnet bis heute Vorwürfe, die inzwischen schlicht offensichtlich sind (und von »Zeit« und »Süddeutscher Zeitung« repliziert werden). Das, meine lieben Damen und Herren, ist die CDU.
Und dann kommt der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Friedrich Merz und führt an Aschermittwoch aus: »Ich will Klarnamen im Internet sehen und wissen, wer sich zu Wort meldet.« Er ergänzt außerdem: »Wollen wir es zulassen, dass unsere Gesellschaft auf diese Art und Weise zerstört wird? Es sind die Feinde der freien Gesellschaft und liberalen Demokratie, die dies unternehmen.« Parallel dazu überbieten sich CDU-Stimmen – von Wüst über Schnieder bis Hagel und Spahn – aktuell in ihren Forderungen, Social Media für Jugendliche zu regulieren bzw. zu verbieten.
Man mag das für ein Ablenkungsmanöver halten, um auf dem Parteitag in Stuttgart wichtigere Themen zu vermeiden. Aber jeder, der eins und eins zusammenzählen kann und die Debatte länger verfolgt, weiß, was hier passiert und vorbereitet wird: Die CDU plant einen großangelegten Angriff auf freie Meinungsäußerungen im Netz. Er beginnt bei dem DSA auf EU-Ebene mit Ursula von der Leyen und Emmanuel Macron (der Mediennutzungsverbote als europäische »Bewegung« bezeichnete und Meinungsfreiheit »reinen Bullshit« nannte), er geht über Meldestellen, »Hass und Hetze«-Gesetze, aus dem Ruder laufende Volksverhetzungs- und Beleidigungs-Ermittlungsverfahren und endet bei Zensur von Medien wie TikTok, einer Klarnamenpflicht, der Abschaffung der Anonymität und gläsernen Social-Media-Konten.
Ich kaufe Merz und der Union dabei kein bisschen ab, dass sie wirklich besorgt über die Entwicklung von Jugendlichen im SM-Zeitalter sind. Für Gefahren, Süchte und Abgründe von sozialen Medien sollte sensibilisiert werden – das ist Aufgabe von Eltern, Familien, Schulen, Bekanntenkreisen, Freunden. Ganz sicher aber nicht vom Staat, der sich hier eine Funktion als Erziehungsberechtigter anmaßt – und zwar nicht beim Konsum von Alkohol und Zigaretten, sondern bei etwas völlig Alltäglichem, Identitätsstiftendem, Politisierendem und Persönlichkeitsprägendem wie der Nutzung von Social Media.
Vielmehr beschleicht einen das Gefühl, dass eine überalterte Partei der ewig gleichen Stammwähler langsam merkt, dass sie unter jungen und online aktiven Menschen extrem an Deutungshoheit verloren hat – und immer weniger Akzeptanz erfährt. Und deshalb Schranken hochziehen will, die anonyme und zu junge User vom Diskurs ausschließen.
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